Ergänzung vom 28.01.2016
In England wurden als Teil der militärischen Strategie auch Flugblätter und Radiosendungen an die deutsche Bevölkerung produziert.
Die Wirkung der ... Beiträge von Thomas Mann (Radiosendungen ...) ist umstritten. Im Fokus stand offenbar, die Bomben auf die deutsche Zivilbevölkerung als gerechte Rache zu erklären.
Auf die Idee, die in England lebenden Angehörigen von Else Ury in Flugblättern und Radiosendungen zu Wort kommen zu lassen, ist wohl niemand gekommen. Ury hatte in Deutschland bis in die 1930er Jahre hinein Millionen begeisterte Leserinnen. Ihre „Nesthäkchen“-Reihe gehörte zu den bekanntesten Kinderbuch-Serien des 20. Jahrhunderts. Die Serie wurde auch nach dem Krieg, bis heute, immer wieder neu aufgelegt.
Es war lange unbekannt bzw. wurde nicht diskutiert, dass Else Ury Jüdin war und im NS deportiert und umgebracht wurde. Das hat erst Marianne Brentzel mit ihrem 1993 erschienenen Buch „Nesthäkchen kommt ins KZ“ für eine breitere Öffentlichkeit aufgearbeitet.*
Konfrontation mit dem Schicksal der Else Ury hätte Teil einer anderen Kommunikations-Strategie gegenüber der hirngewaschenen deutschen Bevölkerung sein können. Ob sie wirksamer gewesen wäre als Bomben und die Propagierung gerechter Rache, das werden wir nie wissen. Ich halte es für möglich.
* Auslöser für die Entstehung des Buches war eine Sendung in "Zeitzeichen" von Angelika Grunenberg im Januar 1988.
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Der Abwurf von Bomben auf deutsche Städte im 2. Weltkrieg gilt immer noch als Beispiel dafür, dass es manchmal nicht anders gehe, wenn ein verbrecherisches Regime durch eine fanatisierte Bevölkerung gestützt wird. In einer solchen Situation werden Worte für wirkungslos gehalten, und Handeln wird mit Bombenwerfen gleich gesetzt.
Aber ist Stärkung des Widerstands in der Bevölkerung wirklich so aussichtslos, wie wir es als Lektion aus der Geschichte des Nazi-Terrors anzunehmen gewohnt sind? Oder geht es auch um das "Wie" einer solchen Aufklärung?
In der Nähe des Savigny-Platzes in Berlin stieß ich dieser Tage auf ein Sträßchen namens Else-Ury-Bogen.
Else Ury war eine populäre Mädchenbuch-Schriftstellerin bis in die frühen 1930er Jahre. Bekannt war sie besonders als Autorin der „Nesthäkchen“-Reihe. Die Bücher sind, bis auf eines – Nesthäkchen und der Weltkrieg (womit natürlich der Erste Weltkrieg gemeint war) – noch in den 1980er Jahren und danach mehrfach neu aufgelegt worden. Der leicht patriotisch getönte Band mit dem Weltkrieg-Thema wurde bei den Neuauflagen lange weggelassen, ist jetzt aber wieder erhältlich, mit eigenem Vorwort.
Es war lange unbekannt bzw. wurde nicht diskutiert, dass Else Ury Jüdin war und im NS deportiert und umgebracht wurde. Das hat erst Marianne Brentzel mit ihrem 1993 erschienenen Buch „Nesthäkchen kommt ins KZ“ aufgearbeitet. Erst seitdem wird es auch in Buchbeschreibungen zu den „Nesthäkchen“-Büchern regelmäßig erwähnt. Ury wohnte in der Nähe des Savigny-Platzes, ebenso wie ihre literarische Figur Annemarie Braun, das „Nesthäkchen“. Sie schrieb liebevoll über das Ambiente Charlottenburg und Charlottenburger Schlosspark.
Ein Bruder und zwei Neffen von Else Ury waren gerade noch rechtzeitig nach England emigriert. In England wurden als Teil der militärischen Strategie auch Flugblätter und Radiosendungen an die deutsche Bevölkerung produziert, aber deren Ansatz und Zielrichtung sind wohl noch wenig untersucht. Die Wirkung der Beiträge von Thomas Mann (Radiosendungen; https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsche_H%C3%B6rer!) ist umstritten. Auf die Idee, die in England lebenden Angehörigen von Else Ury in Flugblättern und Radiosendungen zu Wort kommen zu lassen, ist wohl niemand gekommen. Möglicherweise hätte die Konfrontation mit dem Schicksal der Else Ury mehr als vieles andere dazu beitragen können, dem Widerstand Rückhalt in der Bevölkerung zu verschaffen.
Bücher von und über Else Ury (u.a.):
Nesthäkchen: Gesamtausgabe - Band 1 bis 10 (Vollständige Originalausgaben) [Kindle Edition]
Das Nesthäkchen Annemarie Braun ist ein lebhaftes Kind, unordentlich, schlecht in Handarbeiten und später durchaus keine perfekte Hausfrau. Sie macht Abitur und studiert Medizin, wenn sie auch ihr Studium für die Familie an den Nagel hängt. Ihr lebhaftes Temperament bleibt ihr bis ins Alter. …
Ury, Else - vollständige Nesthäkchen - Serie in 10 Bänden : " Nesthäkchen und ihre Puppen " + " Nesthäkchens erstes Schuljahr + " Nesthäkchen im Kinderheim" + " Nesthäkchen und der Weltkrieg " + " Nesthäkchens Backfischzeit " + " Nesthäkchen fliegt aus dem Nest " + " Nesthäkchen und ihre Küken " + " Nesthäkchens Jüngste " + " Nesthäkchen und ihre Enkel" + " Nesthäkchen im weißen Haar " " Gebundene Ausgabe – 1925
von Else Ury (1877/1943)
Nesthäkchen und der Weltkrieg: Neuauflage mit einem Vorwort von Marianne Brentzel – 20. Mai 2014
von Else Ury (Autor), Marianne Brentzel (Vorwort)
Else Ury wurde am 1. November 1877 in Berlin als drittes Kind einer wohlhabenden bildungsbürgerlichen jüdischen Familie geboren. Nach der zehnjährigen Schullaufbahn (es gab zu dieser Zeit in Berlin noch keine Gymnasien für Mädchen) wurde sie mit ihren ab 1905 veröffentlichten Büchern, insbesondere mit der Nesthäkchen-Reihe (bis 1933 wurden mehr als 1,5 Millionen Bücher der Reihe verkauft) zu einer der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Zeit. Die Gefahr des Nationalsozialismus erkennt auch sie nicht, sieht Hitler sogar als Chance. 1935 wird sie als Jüdin aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, später ihr Vermögen beschlagnahmt, ehe sie am 13. Januar 1943 im Konzentrationslager Auschwitz in der Gaskammer ermordet wird
Nesthäkchen kommt ins KZ: Eine Annäherung an Else Ury 1877-1943 Taschenbuch – März 2003
von Marianne Brentzel
Alle Welt kennt Else Urys Nesthäkchen - kaum jemand weiß jedoch , daß die höhere Tochter aus Berlin Jüdin war und 1943 in Auschwitz von den Nazis ermordet wurde. In ihren Büchern wie auch in ihrem Alltagsleben spielte die jüdische Tradition keine Rolle, bis der Rassenwahn sie zwang, eine Jüdin zu werden. Marianne Brentzel hat den Lebensweg Else Urys sorgfältig recherchiert und formt mit Hilfe von Passagen aus Nesthäkchen , Briefen, erstmalig veröffentlichten Dokumenten, fiktiven Interviews und erdachten Szenen ein lebendiges Bild von Kindheit und Alltag der Autorin. »...ein gutes Buch, das uns viel Wissenswertes berichtet über die Jahre und die Umstände, in denen Else Ury lebte.« Die Zeit
Am 6. März 1935 wurde sie aus der von Joseph Goebbels gegründeten Reichsschrifttumskammer, der Standesvertretung der deutschen Schriftsteller, ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. Dennoch blieben ihre Bücher in Deutschland auch weiterhin sehr beliebt. Ihr Versuch, die Bücher in Großbritannien zu veröffentlichen, scheiterte.
Ein schwerer Schicksalsschlag traf Else Ury, als ihr Bruder Hans, dem sie sich besonders eng verbunden fühlte, im Sommer 1937 aus Verzweiflung über seine berufliche Zukunft Selbstmord beging.
Die meisten Familienmitglieder von Else Ury emigrierten rechtzeitig ins Ausland, darunter auch ihr Bruder Ludwig, der 1939 die letzte Möglichkeit nutzte, um nach England zu kommen. Ihre Neffen Fritz Ury und Klaus Heymann lebten bereits seit 1936 in London. 1938 besuchte Else Ury ihre beiden Neffen, aber sie blieb nicht in London, denn in Deutschland wartete ihre alte Mutter auf sie.
1939 musste Ury mit ihrer betagten Mutter ihre Wohnung im vornehmen Charlottenburg verlassen und in ein sogenanntes "Judenhaus" im ärmlichen Berliner Ortsteil Moabit ziehen. ..
Ury-Biografin Marianne Brentzel:
Für mich war die ZEITZEICHEN-Sendung im Januar 1988 der Beginn einer intensiven Beschäftigung mit Else Ury. Zuerst nahm ich Kontakt zu Klaus Heymann, dem Alleinerben und Neffen Else Urys auf. Daraus wurde eine Freundschaft, die bis heute andauert. Klaus Heymann gab mir bereitwillig viele nützliche Hinweise, schenkte mir Familienbilder, überließ mir Briefe und Zeugnisse aus dem Leben Else Urys.
Das Echo auf das Erscheinen meines Buches 1992 war überwältigend. Offensichtlich waren Else Urys Bücher, insbesondere die Nesthäkchen-Serie, für die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen der Frauen ein Teil ihrer Identität und die Erschütterung über Else Urys Tod in Auschwitz groß. Seitdem wurde weiter über Else Urys Leben und Werk geforscht, Ausstellungen wurden entwickelt, neue Erkenntnisse gewonnen. In Berlin trägt eine Kinder- und Jugendbibliothek ihren Namen, am Savignyplatz gibt es inzwischen einen Else-Ury-Bogen und an ihrem Ferienhaus in Karpacz, vormals Krummhübel, ist eine Plakette zum Gedenken an Else Ury in deutscher und polnischer Sprache angebracht, an der Wand von Haus Nesthäkchen prangt die Inschrift: Dom Nesthäkchen. Eine Ausstellung in deutscher und polnischer Sprache erzählt vom Leben und Werk Else Urys. ...
http://www.mariannebrentzel.de/ury-leseprobe.html
ZEITZEICHEN-Autorin und Ury-Biografin Angelika Grunenberg:
... Niemand hat es so gut wie Else Ury verstanden, das wunderbare – und so typisch deutsche – Gefühl von Nestwärme zu vermitteln. Ehemalige Leserinnen berichten noch heute von lebenslangem Heimweh nach diesem idealen Zuhause, das sie selber in Wirklichkeit nie hatten. ... Dass Else Ury, selbst unverheiratet und kinderlos, die Vorbilder für ihre Romanfiguren aus der eigenen Verwandtschaft rekrutierte – einer weitverzweigten, vor allem in Berlin und Danzig ansässigen Dynastie –, ist von doppelbödiger Tragik: die Urys, Heymanns, Schlesingers, Davidsohns, Wallenbergs etc., die sie als Inbegriff deutschen Wesens darstellte, waren Juden. Die wenigsten Leserinnen mögen das damals gewusst haben, und es hätte sie sicher auch nicht interessiert. ...
Selbst der Ausschluss der Autorin aus der Reichsschrifttumskammer 1934, das Schreib- und Veröffentlichungsverbot, das sie wie viele andere Autoren traf, konnte die Fan-Gemeinde auch bei Strafe nicht davon abhalten, die verfemten Ury-Bücher heimlich unterm Ladentisch zu erwerben. Ich hörte von einer jungen Frau, die noch im April 1940 einen Blumenstrauß und einen Dankesbrief mit vollem Absender an ihre Lieblingsautorin schickte, und von ihr sogar Antwort erhielt. Da lebte Else Ury längst in einem „Judenhaus“ in Berlin-Moabit. Am 12. Januar 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert und vermutlich am gleichen Tag vergast. Sie war 64 Jahre alt. Ein entsetzliches, anscheinend unausweichliches Ende. Warum ist sie nicht ausgewandert?
Mit dieser Frage flog ich Silvester 1987 nach London. Für eine Gedenksendung zum 45. Todestag von Else Ury (WDR „ZeitZeichen“) wollte ich einen der letzten Überlebenden der Familie interviewen: den mittlerweile pensionierten britischen Regierungsarchitekten Ernest Keith Heyman (Klaus Heymann, geb. 1918). Er war der jüngste Neffe der Schriftstellerin. Dass Klaus Heymann nach dem Abitur 1936 Deutschland verlassen und in England studieren konnte – und damit der Vernichtung entkam –, verdankte er seiner Tante Else Ury. Sie besaß englische Devisen – und ein großes Herz. ...
Freiburger Rundbrief für christlich-jüdische Begegnung (2001)
http://www.freiburger-rundbrief.de/de/?item=1036
Verfilmung nach fast 60 Jahren:
Nesthäkchen (1983)
Posted by: Norby | on September 3, 2015
Nesthäkchen ist eine deutsche Kinder- und Familienserie von Regisseur Gero Erhardt, die als fünfte Weihnachtsserie des ZDF 1983 ausgestrahlt wurde. Als Vorlage dienten die ersten drei Nesthäkchenbände der Schriftstellerin Else Ury.
Die Geschichte dreht sich um das Mädchen Annemarie, das als jüngstes Kind der Arztfamilie Braun Nesthäkchen gerufen wird. Sie wächst mit ihren Brüdern Hans und Klaus in Berlin zur Kaiserzeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg auf. ....
http://blog.achtziger-forum.de/2015/09/03/nesthaekchen-1983/#more-600
Hätte das NS Regime die Unterstützung der Bevölkerung, vor allem der Frauen, noch halten können, wenn Aufklärung über das Schicksal der Else Ury Teil einer nicht nur militärisch dominierten Strategie der alliierten Öffentlichkeitsarbeit gewesen wäre?
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"1935 wurde sie aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, weil sie keinen "Ariernachweis" erbringen konnte. Wer aber nicht Mitglied der Reichsschrifttumskammer war, der durfte in Deutschland nicht mehr veröffentlichen. ..."
http://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article112708668/Als-Deutsche-Nesthaekchens-Mutter-ermordeten.html
Und gleichzeitig war 1935 ein "Schmusejahr", ein Jahr der Anbiederung (nicht nur) britischer Politiker und Meinungsführer an Nazi-Deutschland.
http://guttmensch.blogspot.de/2011/07/liebe-ist-das-grote-aber-nur-wenn.html